Zermürbende Gestaltung?
Wie Gestaltung zermürben kann
Die Erscheinung von Anlagen durch das nicht Gestalten oder die Vernachlässigung der Gestaltung, der Bauten wie auch dem Aussenraum wird unbewusst auf die Bewohner:innen übertragen.
Skepsis und Vorurteile den Bewohner:innen gegenüber werden durch solche Anlagen verstärkt, denn die äussere Erscheinung der Anlagen ist sehr wichtig im Zusammenhang mit der Akzeptanz der Nachbarschaft Asylunterkünften gegenüber.
Eine hochwertig gestaltete Unterkunft kann zwar zu beginn Unverständnis und sogar Neid hervorrufen. Trotzdem wird mit der Zeit wiederum die positive Ästhetik unbewusst auf die Bewohner:innen übertragen. Das heisst, die Bewohner:innen werden dadurch schneller als gleichwertig und unbedenklich eingestuft. Dadurch wird ein Gefühl der Akzeptanz und ein angenehmeres Miteinander unterstützt (Mühlbauer et al., 2017, 131).
Die Umwelt, also in diesem Fall die Art der Unterkünfte, sendet Botschaften an die Bewohner:innen aus. Die mangelnde Privatsphäre durch Mehrbettzimmern und kaum vorhandene Gemeinschaftsräume, spärliche Rückzugsmöglichkeiten auf dem Gelände wie auch provisorische Architektur, Einbunkerung, Abschottung und oder die Vernachlässigung der Räume ist an eine symbolische Botschaft gekoppelt:
Ihr sollt es euch nicht bequem machen, Rückzugsmöglichkeiten sind überbewertet, Kontrolle ist ständig nötig, ihr müsst euch mit dieser teils schäbigen Wohnsituation zufriedengeben. Seid doch einfach froh habt ihr ein Dach über dem Kopf, mehr habt ihr nicht verdient (Rückstuhl, 2022, 14).
Zudem tragen Schliesszeiten, Personen- und Sachkontrollen, wie auch die Umgrenzungen der Unterkünfte, die das Betreten und Verlassen des Geländes erschwert, zu einer erheblichen Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Betroffenen bei und erschweren dadurch teilweise die Nutzung von öffentlichem Freiräumen. Es muss ebenfalls festgehalten werden, dass sich die Betroffenen zum Teil von Schulhausarealen und Kinderspielplätzen fernhalten müssen (Gordzielik, 2016, 6).
Der ständige Wechsel von Reizüberflutung und Reizentzug, die durch eine monotone Umwelt – insbesondere im Bunker in Urdorf – und kaum Betätigungsmöglichkeiten. In den Bundesasylzentren gibt es zudem das Verbot zu arbeiten und in den Rückkehrzentren das Arbeits- wie auch Freiwilligenarbeitsverbot. Diese wechselnden Zustände in Kombination mit plötzlichen Polizeikontrollen, Streit und Lärm kann unter anderem zu Halluzinationen, Desorientierung, Schlafstörungen und Angstzuständen führen. Es ist in gesteigerter Form eine Foltermethode.
Die Anlagen, die sich oft an isolierten Standorten befinden und eingezäunt sind, Schliesszeiten haben und selten ein differenziertes Raumprogramm auf dem Gelände aufweisen sind in Kombination mit Reizentzug durch monotone Gestaltung, kaum Privatsphäre und plötzlicher Reizüberflutung eine extreme Belastung für die psychische und physische Gesundheit.
Es ist toxisch. Menschen die monatelang oder sogar jahrelang solchen Lebensbedingungen ausgesetzt sind werden systematische zermürbt (Rückstuhl, 2022, 14).