Kontrolle ist alles
Zwei Bundesasylzentren — 670 Personen — 140 Tage. Mitten in der Stadt und am Dorfrand.
Funktion der Bundeasylzentren
Es gibt sechs Bundesasylzentren (BAZ) mit Verfahrensfunktion (mV) in der Schweiz.
Verfahrensfunktion bedeutet, dass die Antragssteller:innen maximal 140 Tage in dem ihnen zugewiesenen BAZ (mV) verbringen. Falls ein positiver Entscheid vom Staatssekretariat für Migration (SEM) gefällt wird, werden sie bei der Wohnungssuche unterstützt und zwischenzeitlich im Kanton Zürich in Durchgangszentren oder Wohnungen der Asylorganisation Zürich (AOZ), einer privaten Firma im Auftrag vom Kanton, untergebracht.
Ein negativer Entscheid führt früher oder später zur Ausschaffung der betroffenen Person. Entsprechend werden betroffene Personen nach 140 Tagen im BAZ (mV) einem BAZ ohne Verfahrensfunktion (oV) zugeteilt.
Seit dem 2016 revidierten Asylgesetz hat sich der Kanton Zürich verpflichtet 870 Plätze in Bundesasylzentren bereit zu stellen. Dies wird mit den jeweils 360 Plätzen im BAZ Zürich und Embrach nicht erreicht. Ein weiteres BAZ ohne Verfahrensfunktion ist in Rümlang geplant (Sem, 2019).
Bundesasylzentrum mit Verfahrensfunktion - Zürich
Eckdaten
| Standort | Stadt Zürich, Kreis 5 |
| Kapazität | 360 Personen |
| Zimmerbelegung | 6 Personen pro Zimmer |
| Arbeitsplätze | 30 |
| Grundstücksfläche | 5643 qm2 |
| In Betrieb seit | 2019 |
| Bauherrschaft | SEM, Stadt Zürich |
| Baukosten | ca. 24 Mio. CHF |
| Betreiber:innen | Sem, AOZ, Securitas |
| Vermieter:in | Stadt Zürich |
| Architektur | in situ |
| Landschaftsarchitektur | in situ |
| Typologie | Neubau |
| Ausgelegt auf | Max. 25 Jahre |
Zur Planungsgeschichte
Abb. Zürich West Luftbild, 1981
Das Grundstück ist eine Reservefläche der Stadt Zürich. Bis Baubeginn wurde die Parzelle als Parkplatz für die umliegenden Fabriken genutzt. Dies ist auf dem Luftbild von 1981 ersichtlich.
Um sich auf das neue, beschleunigte Asylverfahren vorzubereiten wurde in den Baracken auf dem Juch-Areal in Zürich ein zweijähriger Testbetrieb durchgeführt. Diese Erkenntnisse dienten als Grundlage für die Planung vom heutigen BAZ mit Verfahrensfunktion im Kreis 5.
Im Zentrum stand die Beurteilung der Wirtschaftlichkeit vom beschleunigten Asylverfahren (SEM, 2015, 7).
Ausstattung des Aussenraums
Beschrieb der Anlage
Die Hofstruktur mit überdachten Aussengängen erlaubt es den Bewohner:innen trocken in alle Teile der Gebäude zu gelangen. Sonstige Überdachungen sind auf dem offenen asphaltierten Platz nicht gegeben. Die grosse Terrasse ist teilweise überdacht.
Es gibt einige Sitzgelegenheiten.
Die „Spielzone“ ist sehr spärlich, sie besteht aus einer Schaukel.
Als zentraler Hofplatz dient ein total versiegelter asphaltierter Hartplatz. Was für Pflanzenarten verwendet wurden ist leider nicht bekannt. Da keine offenen Wege durch den Hof führen ist der Gebäudekomplex nicht querbar für Kleintiere. Dachbegrünung ist auf allen Dächern vorhanden.
Ob Biodiversitätsfördermassnahmen getroffen wurden ist nicht bekannt.
Umgebung in Zürich West
| Fläche | 87.88 km² |
| Einwohner:innen | 437’165 |
| Gemeinderat | 37% SP, 22% FDP, 18% Grüne 17 GLP, 14% SVP, 6% EVP, 3% die Mitte |
Umgebung
Das ehemalige Industriequartier, ist das neue Trendgebiet „Zürich-West“. Der Primetower, der neue Pfingstweidpark wie auch die altbekannte Josefswiese und die Limmat sind identitätsstiftende Elemente vom Kreis 5.
Das Quartier ist urban und bietet verschiedene öffentliche Anlagen ohne Konsumzwang wie auch diverse Solidaritätsangebote für geflüchtete Personen und Migrant:innen. Ein Beispiel hierfür ist die vom Staat unabhängige Autonome Schule Zürich. Es ist seit über 15 Jahren ein Projekt und Treffpunkt gegen Rassismus und Ungerechtigkeit. Das Angebot beinhaltet u.a Kostenlose Kurse, Essen und einen Gemeinschaftsgarten.
Verkehrsanbindung, Einkaufsmöglichkeiten
Das BAZ befindet sich direkt neben der renommierten ZHDK und ist umringt von modernen Gebäudekomplexen und neuen Wohnüberbauungen.
Tram, Bus und Zug sind in Gehdistanz vom BAZ und es befinden sich mehrere Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Umgebung.
Spinnendiagramm
Kommentar zur Gestaltung und der Umgebung
Modulare und Temporäre Gestaltung wirkt in diesem Fall durch die Geschlossene Hofform abschottend der Einzige Bezug zur Aussenwelt wird durch die Fassaden Gestaltung zur ZHDK hergestellt.
Es gibt keinen gestalteten Bereich ausserhalb der Gebäude wo spontaner Austausch möglich wäre. Minimale Gestaltungen von Aussenräumen wie diese können zur aneignung und mitwirkung Animieren. In diesem Kontext ist dies jedoch nicht möglich und die Bewohner:innen sind mit einem kargen relativ unmöblierten für sie unveränderbarem Aussenraum konfrontiert.
Wie bereits erläutert wirkt sich die unmittelbare Umgebung extrem auf die psychische Gesundheit aus (Müller, et al., 2018, 9). Kann eine adäquate bedürfnisorientierte Neugestaltung für die Bewohner:innen gelingen solange in Testbetrieben nur die Wirtschaftlichkeit im Zentrum steht?
Privatsphäre ist durch die offene, kahle Gestaltung keine vorhanden. Der Innenhof ist von den Aufenthaltsräumen und Büroräumlichkeiten her einsehbar. Es gibt keinen „bequemen“ Aussenraum um sich aufzuhalten oder soziale Kontakte zu pflegen. Es gibt einen Haupteingang den alle Bewohner:innen nutzen müssen. Personenkontrollen durch die Securitas erschweren einfaches ein und ausgehen. Die Anordnung der Gebäude ist dadurch eine unüberwindbare Grenze zum anschliessenden Quartier. Trotz dem erschwerten Zugang zum Quartier durch Schliesszeiten und Personenkontrollen ist das BAZ in Zürich die zentralste Anlage und bietet in nächster Umgebung ein breites Angebot an öffentlich nutzbaren Freiräumen an.
Bundesasylzentrum bzw. Ausschaffungszentrum - Embrach
Eckdaten
| Standort | Embrach |
| Kapazität | 360 Personen |
| Zimmer | 4 Personen pro Zimmer |
| Fläche | 12’800 qm2 |
| In Betrieb seit | 1989 Barracken, 2019 Neubau |
| Bauherrschaft | Schweizerische Eidgenossenschaft und Bundesamt für Logisitk |
| Betreiber:innen | SEM, AOZ, Securitas |
| Vermieter:in | Kanton Zürich |
| Architektur | Plangrün |
| Landschaftsarchitektur | Plangrün |
| Typologie | Teilweise Neubau und sanierte Barracken |
Zur Planungsgeschichte
Abb. Embrach, Luftbild, 1993
Auf dem Gelände vom Psychiatrie-Zentrum Hard wurden 1989 Baracken aufgestellt, welche bis 2017 als Durchgangszentrum (DZ) dienten. Seit der Revision vom Asylgesetz im Jahr 2016 wurde beschlossen in Embrach ein Ausreisezentrum (BAZ ohne Verfahrensfunktion) mit 360 Plätzen zu erstellen.
Vor und während dem Umbau bestand eine Mischform zwischen BAZ und DZ. Heute leben dort vorwiegend Menschen mit einem negativen Asylentscheid, die ausgeschafft werden.
Im zwei bis dreigeschossigen Neubau gibt es Platz für 250 Personen. In den sanierten Baracken liegt die maximale Kapazität bei ca 120 Personen.
In Zusammenarbeit mit der Gemeinde wurde auf deren Wunsch, laut einem ehemaligen Gemeindepräsident ein „strengeres Regime“ angestrebt was faktisch Sperrstunde ab 17.00 Uhr bedeutet was deutlich früher wie davor ist.
Ausstattung des Aussenraums
Beschrieb der Anlage
Es ist eine Zonierung erkennbar. Es gibt verschiedene räumlich getrennte Spiel- und Sportmöglichkeiten für verschiedene Altersgruppen.
Die Galerie beim Neubau bietet eine grossräumige Überdachung.
Der kleinmaschige Zaun, der ganze Areal umgibt stellt eine Grenze für Kleintiere dar.
Es ist eine artenreiche, ökologisch wertvolle, extensiv gepflegte Blumenwiese auf der Seite zum Sportplatz angelegt.
Unversiegelte Flächen lassen Versickerung zu und machen einen beträchtlichen Teil des Geländes aus.
Bei der Sanierung der Baracken wurde der Baumbestand gelassen.
Umgebung in Embrach
| Fläche | 12.72 km² |
| Einwohner:innen | 9’610 |
| Gemeinderat | Die Mitte, SVP, 3 x Parteilos, FDP |
Umgebung
Embrach liegt in einem fluvial, von Flüssen geformten Tal im Mittelland. Das Landschaftsbild ist von offener Kulturlandschaft, ausgedehnten Siedlungs- und Verkehrsflächen geprägt.
Das 1.4 Hektar grosse Gelände, auf welchem sich die Psychiatrie, das Alterszentrum und das BAZ befindet ist nördlich vom verbleibenden Wald umgeben. Dieser bildet eine räumliche Grenze zu Rorbas. Südlich ist es durch die Hauptstrasse, wie auch durch die Bahnlinie von Embrach abgetrennt und wirkt dadurch von der Gemeinde isoliert.
Verkehrsanbindung und Einkaufsmöglichkeiten
Bus wie Zug Station sind in ca. 10 Minuten zu Fuss erreichbar.
Zürich und Winterthur sind per Zug direkt vom Bahnhof Embrach-Rorbas erreichbar. Die Buslinien 520 und 521 bindet Embrach direkt an Flughafen Zürich an.
Im Dorf Embrach gibt es verschiedene Einkaufsmöglichkeiten.
Spinnendiagramm
Kommentar zur Gestaltung und der Umgebung
Die Nutzungen konzentrieren sich auf die zwei Spielbereiche und der eingezäunte Aussenbereich lässt sehr bedingt Rückzugsmöglichkeiten zu.
Unzählige Kameras bedeuten ständige Überwachung. Durch die Sperrstunde um 17.00 Uhr konzentriert sich am Abend alle Nutzungen auf das Areal selbst und bedeutet mangelnde Privatsphäre im Aussenraum und ein sehr hoher Nutzungsdruck.
Der Zugang zum Innenbereich ist ohne Anmeldung nicht möglich und erschwert es, dass Bewohner:innen im Zentrum Besuche empfangen zu können. Es gibt keinen öffentlich zugänglichen Aussenbereich auf dem Areal welcher zu spontanem Austausch führen kann. Die Einzäunung und Abgeschlossenheit des Gebäudekomplexes haben durch die Gestaltung einen isolierenden und kontrollierenden Charakter. In diesem Zuge wird ebenfalls festgehalten das die Maximale Kapazität von 360 Personen teils massiv überschritten wird und sich die bereits beengten Platzverhältnisse noch extrem zuspitzen können.